Leseratte

Ja, das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum ersten Mal ein eigenes Buch bekam und da hineinschnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert.

(Astrid Lindgreen, Das entschwundene Land, 1977)

Diese Worte von Astrid Lindgreen berührten mich sofort, als ich sie das erste Mal las. Auch ich glaube, dass mein erstes eigenes Buch etwas in mir grundgelegt hat, das mich mein ganzes Leben begleiten sollte. Für mich sind Bücher lebendig, sie sind nicht nur Seiten aus Papier mit gedruckten Schriftzeichen darauf. Ein Buch bedeutet Phantasie und Kreativität, Entspannung und Spannung, Wissen und Unterhaltung, Information und Vergnügen. Bücher sind wunderbar und schrecklich zugleich, sie helfen mir mich zu fürchten und zu freuen, zu entspannen, zu lachen, zu weinen, zu trauern und glücklich zu sein. Sie entführen mich immer wieder in eine Welt der Vorstellung und Phantasie, deren Bewohner ich werde. Ich werde Teil der beschriebenen Abenteuer und Ereignisse, ich tauche tief ein und komme erst wieder an die „Oberfläche“, wenn die letzte Seite gelesen ist. Bücher sind Teil meines Lebens und Teil von mir selbst. Ich werde nie aufhören zu lesen, zu lesen und zu lesen …

  

  

Bevor ich selbst lesen konnte, war es die Aufgabe meiner Eltern mich mit dem Vorlesen einer „Gute – Nacht – Geschichte“ ins Bett zu bringen. Ich wurde nie müde, die von den Brüdern Grimm (Jacob Ludwig Carl Grimm und Wilhelm Carl Grimm) heraus gegebene berühmte deutsche Anthologie von Märchen, Geschichte für Geschichte zu hören.  

 Das erste Buch, das ich selber las, hieß „Mecki bei den Eskimos“. Ich hatte es in meinem ersten Grundschuljahr zu Weihnachten bekommen und quälte mich auf Grund meiner noch schwachen Lesefertigkeiten Tag für Tag laut lesend durch die lustigen und spannenden Abenteuer, die der kleine Igel mit seinen Freunden hoch droben im kalten Norden erlebte. Meine Bemühungen wurden belohnt, denn die phantsievollen Erzählungen fesselten mich, waren sie doch auch mit wunderschönen, großen Bildern illustriert. Ich las das Buch nicht nur einmal, denn nun war der Bann gebrochen. Ich konnte lesen und wollte lesen, der erste Schritt war getan …

In den folgenden Jahren begleiteten mich Bücher wie „Puck und seine Tiere“ (von Charly Greifoner und Cilly Schmitt-Teichmann). Das Bilderbuch aus achtzehn ganzseitigen Bildern auf neun stabilen Pappkartons war mein Favorit. Besonders attraktiv fand ich die Vorschau-Fenster, durch die man mit einem kleinen Ausschnitt auf die nächste Seite des Buches blicken konnte. Ich habe das Büchlein (zwar etwas ramponiert) noch heute und würde es nie hergeben.

Besonders beliebt bei mir und meinen Freunden war Wilhelm Busch mit seinen Geschichten und Reimen. Ich konnte nicht genug davon bekommen, die mit Versen beschriebenen, satirischen Bildergeschichten des einflussreichen deutschen Dichters zu verschlingen. Die Streiche von Max und Moritz und anderen gezeichneten Protagonisten fesselten mich ohne Ende.

Doch wie schon Wilhelm Buschs Julchen (1877) vorlebte, „Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit“, war für mich bald die Zeit gekommen, in der ich mich mit kompakteren Texten auseinandersetzen konnte und wollte. Bilderbücher waren etwas für kleine Kinder, und so suchte ich nach neuen (leserischen) Herausforderungen. Die fand ich in den Büchern von Karl May und in den damals (1970er Jahre) so poulären Mädchenbüchern. Ich verschlang Martha Sandwall-Bergströms Gulla Reihe und „fraß“ die Abenteuer von Hanni und Nanni (Enid Blyton). Meine Eltern versuchten mich mit unterschiedlichsten Maßnahmen davon abzuhalten, nächtelang zu lesen. Letztendlich landete ich, getrieben von meiner „Lesewut“, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke.

Ich konnte nicht aufhören zu lesen, zu lesen und zu lesen …

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